Reinhard Wagner 

– 03.09.2013

Schluss mit den Schattenkämpfen! Mehr Pluralität im Projektmanagement

Mein Blogger-Kollege Dr. Hagen hat jüngst in seinem Blog einen Beitrag veröffentlicht, der mir vollkommen aus der Seele spricht: „Schattenkämpfe im Projektmanagement – Schluss damit!„. Er stellt darin die These auf, dass die meisten Experten- und Praktiker-Diskussionen im Zusammenhang mit dem vermeintlich „richtigen Vorgehen“ in Projekten reine Schattenkämpfe sind. Da werden „Klassisches Projektmanagement“ und deren Protagonisten hingestellt, als würden sie aus dem Mittelalter kommen und allein das neue, das agile Projektmanagement als Segen propagiert. Damit lässt sich natürlich viel Aufmerksamkeit erzielen, oder Publicity für seine Dienstleistungen machen. Interessanterweise sind die meisten Protagonisten des agilen Projektmanagements Berater, die ihre Ansätze nur selten selbst ausprobiert haben oder nur in einem recht begrenzten Feld arbeiten, so z. B. in der Software-Entwicklung. Es gibt meiner Ansicht nach weder „klassisch“ noch „modern“, denn die klassischen Ansätze haben sich natürlich in den letzten Jahren auch weiterentwickelt und werden flexibel, ja teilweise sogar sehr agil angewendet. Auch das agile Projektmanagement kommt in der Regel nicht so agil daher wie es den Anschein hat. Da wird nämlich viel „Klassik“ beigemischt oder etwas Klassischem (wie z. B. dem „Kanban“ aus der Automobilindustrie der 1950er) der Anstrich des Modernen und Agilen gegeben.

Dr. Hagen verweist zu Recht auf das, was wirklich weiterhilft, nämlich dem situativ angepassten Projektmanagement. Das macht natürlich erst mal Mühe, den Projektkontext zu analysieren und Anforderungen für das Projektmanagement abzuleiten. Ob das Projektmanagement mehr oder weniger planungsbezogen sein sollte, ob eher „hart“ oder „weich“, ob es überhaupt eines Projektmanagers bedarf oder nicht, das kann erst mit einem profunden Blick auf die individuellen Anforderungen beantwortet werden. Das ist ein bisschen wie auch in der Medizin. Aspirin mag gut sein und für viele Anwendungsfälle helfen, bei allen Krankheiten hilft es indes nicht. Hier ist dann wieder der Arzt oder Apotheker gefragt.

Es ist an der Zeit, liebgewonnene Paradigmen (egal ob klassisch oder agil) über Bord zu werfen und sich an die Arbeit zu machen. Die Arbeit für den Projektmanager besteht darin, die Ausgangssituation des Projektes und die Anforderungen an das Projektmanagement genau zu analysieren und daraus die richtigen Schlüsse für ein angepasstes Projektmanagement zu ziehen. Die oben adressierten „Experten“ können dem Projektmanager dabei behilflich sein und Methoden wie auch Modelle für diese Analyse an die Hand geben und Projektmanager dabei ertüchtigen, nicht die „erstbeste“ Methode anzuwenden, sondern differenziert vorzugehen. Dabei steht aus meiner Sicht heute ein breiter Instrumentenkoffer für das Projektmanagement zur Verfügung, der weit über das klassische Projektmanagement der 1950er hinausgeht. Allein die Wahl der „richtigen Medizin“ ist die Herausforderung!

Ein Plädoyer für mehr Pluralität im Projektmanagement findet sich in einem meiner Lieblingsbücher, nämlich „Images of Projects“ von Mark Winter und Tony Szczepanek (Buch auf amazon.de und Buchbesprechung auf pmaktuell.org). Es zeigt in sieben Bildern die Vielfalt der Projekte und damit die Notwendigkeit für unterschiedliche Projektmanagement-Ansätze auf – und ich glaube es gibt noch mehr Facetten, die Winter/Szczepanek in ihrem Buch nicht berücksichtigt haben. Hier gibt es also noch viel zu entdecken, da sind Schattenkämpfe rückwärtsgerichtet und kontraproduktiv.

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Reinhard Wagner

Reinhard Wagner ist Ehrenvorsitzender der GPM und ehemaliger Präsident der IPMA International Project Management Association. Er berichtet über aktuelle Entwicklungen im Projektmanagement auf nationaler wie auch internationaler Ebene sowie über Neues aus der IPMA.


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Reinhard Wagner ist Ehrenvorsitzender der GPM und ehemaliger Präsident der IPMA International Project Management Association. Er berichtet über aktuelle Entwicklungen im Projektmanagement auf nationaler wie auch internationaler Ebene sowie über Neues aus der IPMA.