Norman Heydenreich 

– 08.12.2020

Stärkung des gemeinnützigen Engagements der GPM für Normen und Standards

Die Entwicklung und Verbreitung von Projektmanagement-Standards ist eine der wesentlichen gemeinnützigen Satzungsaufgaben der GPM. Sie schafft zugleich die Grundlage für weitere Satzungsaufgaben: Qualitätsverbesserung des Projektmanagements, Erstellung von Leitlinien für die Aus- und Weiterbildung, Prüfung und Verbesserung des Projektmanagement-Niveaus mittels Kompetenzbeurteilungen und Zertifizierung. Die IPMA-Kompetenzstandards ICB, OCB und PEB gehören zum Markenkern der GPM. Projektmanagement-Standards haben somit strategische Bedeutung für die GPM. Internationale Standards berühren auch wirtschaftspolitische Interessen Deutschlands und Europas. Angesichts der Handelskonflikte zwischen den USA und der EU bekommen internationale Normen und Standards zusätzliche politische Bedeutung. 

Das Gelingen öffentlicher Großprojekte, die Bewältigung der Pandemiekrise, der Klimakrise sowie der digitalen Transformation brauchen standardisierte Governanceprinzipien und Führungsinstrumente für eine sektoren-, ebenen- und organisationsübergreifende Zusammenarbeit in Projekten und Programmen. Eine zentrale Empfehlung des von der GPM im Dialog mit ihren öffentlichen Partnern entwickelten Aktionsprogramms „Mit Projekten Deutschlands Zukunft gestalten“ (GPM, 2017) ist eine stärkere Beteiligung der öffentlichen Verwaltung an der Weiterentwicklung nationaler und internationaler Normen für das Management und die Governance von Projekten, Programmen und Portfolios.

Die GPM spielte bei der Entwicklung der nationalen Projektmanagement-Normen im Rahmen des DIN durch ihre Fachgruppe Normung und durch eine starke Vertretung im Rahmen des DIN-Arbeitsausschusses Projektmanagement eine führende Rolle. In den letzten 10 Jahren hat die internationale Projektmanagement-Normung eine größere Bedeutung erlangt. Mit dem TC258 wurde ein eigenes ISO-Komitee für PM-Normen geschaffen - wesentliche internationale Standards wurden verabschiedet oder sind auf dem Weg.  Dies erfordert eine stärkere Aufstellung und strategische Herangehensweise der GPM und der IPMA  in diesem Handlungsfeld.

Daher hat das Präsidium der GPM beschlossen, die neue ehrenamtliche Funktion eines „Bevollmächtigten Normen und Standards“ zu besetzen. Dessen Aufgaben sind insbesondere: Monitoring der internationalen PM-Normung, Weiterentwicklung der Standardisierungs- und Normungsstrategie zur Beschlussfassung durch das Präsidium, Kommunikation und Kooperation mit DIN (Deutsches Institut für Normung), CEN (Europäisches Komitee für Normung) sowie ISO (International Standards Organisation), Abstimmung mit IPMA sowie Entwicklung von Strukturen zur Meinungsbildung in strategischen Fragen der Normen und Standards. Eine weitere wichtige Aufgabe ist die Gewinnung von Vertretern bedeutender Unternehmen, Verwaltungen und Verbände für die Mitarbeit im DIN-Arbeitsausschuss Projektmanagement.

Die normungspolitischen Positionen der GPM leiten sich aus ihren satzungsgemäßen Aufgaben als gemeinnütziger deutscher Verein ab, für den auch die „Förderung der internationalen Zusammenarbeit“ eine wesentliche Aufgabe ist – auch in Bezug auf seine öffentlichen Partner und das Aktionsprogramm „Mit Projekten Deutschlands Zukunft gestalten“. Nur durch eine engere Kooperation innerhalb der IPMA wird deren  kompetenzorientierte Sicht des Projektmanagements in der internationalen PM-Normung ausreichende Berücksichtigung finden. Und nur durch eine engere Kooperation europäischer Länder können diese einen stärkeren Einfluss auf die Entwicklung der ISO-Projektmanagement-Standards im TC258 nehmen, um so europäische Werte und Interessen gegen die heutige Dominanz der USA einzubringen.

Das gilt auch für den von der EU-Kommission entwickelten und mit der ICB kompatiblen europäischen Standard PM² (DIGIT, 2016), den die IPMA (Wagner, 2017) und die GPM (Schoper, 2019; Kratt, 2019) neben der ICB als ergänzenden Standard unterstützen. PM² wurde für das Umfeld und die Anforderungen von EU-Institutionen und von öffentlichen Verwaltungen entwickelt; da er aber Bestandteile aus einem breiten Spektrum weltweit anerkannter bewährter Verfahrensweisen, Standards und Methodiken für das Projektmanagement umfasst, kann er von allen Arten von Organisationen angewandt werden. Der Standard umfasst ein Projektgovernancemodell, Projektlebenszyklusmodelle, Prozessmodelle sowie Mustervorlagen für die Dokumentation. Er trägt der Tatsache Rechnung, dass viele Projektarten komplex und mit Unsicherheiten behaftet sind und dass sich ein agiler Ansatz positiv auf Effizienz und Nutzen des Projektmanagements auswirken kann. Ethik- und Verhaltensleitlinien sowie förderliche Mindsets helfen Projektteams dabei, Projektmanagementziele in einen größeren Zusammenhang einzuordnen. Europäische und auch deutsche Verwaltungen und Unternehmen haben ihr Interesse bekundet, PM² einzusetzen. Daher sollte dieser europäische Standard auch in der internationalen Normung berücksichtigt werden. Eine Präferenz für europäische Werte und Führungsprinzipien schließt keineswegs aus, dass in gewachsenen PM-Umgebungen weiterhin unterschiedliche PM-Methoden und Prozess-Standards ergänzend genutzt werden.

Eine wichtige Aufgabe des DIN-Arbeitsausschusses-PM ist es auch, die Angleichung der nationalen und der internationalen Normen, auch als wechselseitigen Lernprozess offener Innovation, zu gestalten und dabei die Entwicklungen auf europäischer Ebene zu berücksichtigen. Diese Integrationsleistung kann nicht den einzelnen Anwenderorganisationen aufgebürdet werden, die das selbst bei Einsatz teurer Berater nicht leisten könnten.  

In der gegenwärtigen Situation sich verschärfender internationaler Handelskonflikte bekommen Normungsfragen zusätzliche Bedeutung. Daher ist es umso wichtiger, das Thema der Normung aktiver zu gestalten  und dabei auch die politische Dimension stärker zu berücksichtigen. Aufgrund seiner kommerziell ausgerichteten expansiven „Playing to Win"-Wachstumsstrategie dominiert ein US-Wettbewerber heute den internationalen Zertifizierungsmarkt und die internationale Normung in der ISO. Umso mehr braucht es eine gestärkte GPM und IPMA als Alternative, die den europäischen Werten und einer Weltordnung verbunden ist, in der auch die Sichten kleinerer Länder berücksichtigt und in deren Rahmen die großen Herausforderungen der Menschheit – wie die Klimakrise und die Pandemie – als gemeinsame Projekte aller Staaten angegangen werden. Dazu kann ein gemeinsames internationales Verständnis der Werte, Prinzipien und Standards für das Management und die Governance von Projekten einen wesentlichen Beitrag leisten (Heydenreich, 2016).

In Ergänzung der nationalen und internationalen PM-Normen können GPM Standards im Rahmen von Fachgruppen entwickelt werden. GPM Standards ergänzen oder konkretisieren die PM-Normen in Hinblick auf branchenspezifische Anforderungen (Branchenstandards), spezifische Anwendungskontexte oder Umsetzungsverfahren (Handlungsanweisungen, Richtlinien). Sie adressieren Bedarfe der Mitglieder und Kunden der GPM und werden in der Regel in enger Partnerschaft mit den jeweiligen „Kunden“ entwickelt (Beispiel: GPM Standard für die öffentliche Verwaltung). Erste Schritte zur Professionalisierung der Entwicklung von GPM-Standards sind: eine Bestandsaufnahme aller normungs- und/oder standardisierungsrelevanten Inhalte sowie ein Gesamtkonzept für GPM-Standards, das deren Marktrelevanz und Qualität sowie die Konformität zu den übergeordneten Normen sicherstellt.

An einer Mitarbeit im Bereich der Projektmanagement-Normen und -Standards interessierte GPM Mitglieder können sich gerne an mich wenden (n.heydenreich@gpm-ipma.de).

Literatur

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Norman Heydenreich

Norman Heydenreich bringt Erfahrung aus 30-jähriger (Projekt-)Managementpraxis in die von ihm gegründete Management Akademie Weimar ein. Ehrenamtlich engagiert er sich als Delegierter der GPM, Bevollmächtigter Normen und Standards, Obmann des Arbeitsausschuss Projektmanagement im DIN e.V., Beiratsmitglied des Aktionsprogramms „Mit Projekten Deutschlands Zukunft gestalten“ sowie in mehreren GPM Fachgruppen. 2013-2017 vertrat er als Hauptstadtrepräsentant die gesellschaftlichen Interessen der GPM und initiierte die Kongressreihe und das Aktionsprogramm „Mit Projekten Deutschlands Zukunft gestalten“ sowie die Gründung der Fachgruppen „PM in der Öffentlichen Verwaltung“, „Bau- und Infrastrukturprojekte“ sowie „Digitale Transformation“. Er wirkte mit an der Entwicklung des internationalen Standards ISO 21505 „Projekt-Governance“ und in der ISO Study Group „Projektmanagement-Kompetenzen“.


Kommentare

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20.12.2020 – 17:21

Peter Milsom

Thank you for your observations. I hope the new ISO 21502, which will be published soon, moves us in the important direction you indicated: www.iso.org/standard/74947.html

 

You mentioned "Due to its commercially oriented expansive "playing to win" growth strategy, a U.S. competitor now dominates the international certification market and international standardization in ISO."

 

We were very careful to be agnostic and not tied to certain ideologies with ISO 21502. I believe that the new standard is more aligned with the international project management community, following in the direction of IPMA.

 

20.12.2020 – 16:47

Mihail Sadeanu

Wonderful investigating paper. I have been implied in reviewing and contributing to many PM standards (PMI, IPMA, ISO, BSI) and I am still working in the field, the last standard in which I have been heavily implied was BSI BS 6079:2019.

The PM world changes fast and many of today's concepts will be corrected or replaced in the next years so many PM standards and BoKs will be continuously reviewed and updated. The respective committees and boards will have a lot of work to be done, especially due to the fast deployment of the large national programs like Industry 4.0, Industry 5.0 or Society 5.0.

www.linkedin.com/in/dr-mihail-sadeanu/

20.12.2020 – 16:47

Mihail Sadeanu

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The PM world changes fast and many of today's concepts will be corrected or replaced in the next years so many PM standards and BoKs will be continuously reviewed and updated. The respective committees and boards will have a lot of work to be done, especially due to the fast deployment of the large national programs like Industry 4.0, Industry 5.0 or Society 5.0.

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Norman Heydenreich

Norman Heydenreich bringt Erfahrung aus 30-jähriger (Projekt-)Managementpraxis in die von ihm gegründete Management Akademie Weimar ein. Ehrenamtlich engagiert er sich als Delegierter der GPM, Bevollmächtigter Normen und Standards, Obmann des Arbeitsausschuss Projektmanagement im DIN e.V., Beiratsmitglied des Aktionsprogramms „Mit Projekten Deutschlands Zukunft gestalten“ sowie in mehreren GPM Fachgruppen. 2013-2017 vertrat er als Hauptstadtrepräsentant die gesellschaftlichen Interessen der GPM und initiierte die Kongressreihe und das Aktionsprogramm „Mit Projekten Deutschlands Zukunft gestalten“ sowie die Gründung der Fachgruppen „PM in der Öffentlichen Verwaltung“, „Bau- und Infrastrukturprojekte“ sowie „Digitale Transformation“. Er wirkte mit an der Entwicklung des internationalen Standards ISO 21505 „Projekt-Governance“ und in der ISO Study Group „Projektmanagement-Kompetenzen“.