Warum brauchen wir mehr Diversität im Projektmanagement?

Bericht von der 3. Diversity in Project Management Conference der IPMA im Oktober 2019 in Helsinki, Finnland.


Vormals eher männlich dominierte Berufe wie der des Projektmanagers werden immer diverser und vielfältiger. Warum ist das so? Der Grund ist, dass jedes Projekt unterschiedlich ist und somit nicht jede/r Projektmanager*in automatisch zu jedem Projekt passt. Dies ist die Grundannahme der Project Manager - Project Fit Theory. Es ist eine relativ neue Theorie, die von Malach-Pines et al. im Jahr 2009 entwickelt wurde. Diese Theorie ist eine Ableitung von der Person-Environment (P-E) Fit-Theorie. Die P-E-Fit-Theorie besagt, dass Unternehmen diejenigen Personen auswählen, die am besten die Anforderungen des Arbeitsplatzes erfüllen und sich am besten an die Anforderungen anpassen. Aber auch Mitarbeiter*innen suchen sich die Organisation aus, die ihre individuellen Fähigkeiten am besten erkennen, diese optimal nutzen, ihren spezifischen Bedürfnissen gerecht werden und die besten Perspektiven für ihre zukünftige Entwicklung bieten (Caplan, 1987). Wenn dies der Fall ist, wird die Mitarbeiter*in im Unternehmen bleiben, loyal sein und sich für das Unternehmen einsetzen. Bei der P-E-Fit-Theorie geht es um die Kompatibilität der Person mit ihrer Umgebung in Form der Organisation und der Tätigkeit, aber auch um die Kompatibilität der Person mit anderen Personen und Teams, die zu ihr passen sollten, um harmonische Beziehungen zu haben und so erfolgreich zu sein. Eine weitere Prämisse der P-E Fit-Theorie ist, dass Stress durch die Nichtkonformität einer Person zu ihrer Umwelt entsteht (Edwards et al, 1998).

Auf die Projektmanager bezogen ist davon auszugehen, dass Projektmanager*innen zu denjenigen Projekten tendieren, die zu ihrer Persönlichkeit passen und sie dadurch deutlich effektiver und erfolgreicher sind. Projektmanager*innen werden von denjenigen Projekten angezogen, die ihrer Persönlichkeit entsprechen; dies manifestiert sich in den Beziehungen zwischen dem Projektprofil, den Persönlichkeitseigenschaften der Projektmanager*in und dem Projekterfolg (Dvir et al, 2006). Als Konsequenz entwickelten Malach-Pines et al. die Project Manager-Project (PM-P) Fit-Theory (Malach-Pines et al, 2009). Sie zeigen, wie wichtig die Übereinstimmung zwischen der Persönlichkeit der Projektmanager*in und der Persönlichkeit des Projektes für den Projekterfolg ist.

Das Programm der 3. Diversity in Project Management-Konferenz in Helsinki zeigte erneut den Reichtum der verschiedenen Aspekte, die Vielfalt beinhaltet: angefangen bei einer Rede eines Group CEO von Hofstede Insights über Diversity, Inklusion und Projektmanagement, über die Entwicklung eines ausländischen Mitarbeiters zum finnischen Senior-Projektmanager und seine Erfahrungen mit der Führung von Menschen. Eine interessante Fallstudie über Bedeutung von Worten und die Konsequenzen bei Missverständnissen wurde in einem Marktforschungsprojekt in der Pharmaindustrie zwischen der US-amerikanischen Zentrale und ihrer russischen Tochtergesellschaft vorgestellt. Ein weiterer Vortrag zeigte, wie sich Vielfalt auf die Organisationskultur auswirkt, die sich auf die Übereinstimmung zwischen Menschen und ihren Zielen bezieht. Um erfolgreich zu sein, müssen sich Projektmitarbeiter, Teams und Organisationen ihrer kulturellen blinden Flecken und der
Vielfalt bewusst sein. Bei Vielfalt geht es aber auch um vielfältiges Denken: Die Methode der Organisations-aufstellung bietet einen "Upgrade" durch die neue Art, wie wir Probleme betrachten und ihre Lösungen konstruieren. Der systemische Ansatz ist eine lösungsorientierte Methode zur Lösung vielschichtiger Probleme. Von diesem vielfältigen Problemlösungsansatz können besonders komplexe Projekte profitieren. Die Konferenz endete mit einem Blick auf empirische Fälle aus den beiden sehr unterschiedlichen Ländern Iran und Island, die beide zeigen, wie gerade die unterschiedlichen Herangehensweisen zu Erfolg führen können. Die Feminisierung des Projektmanagements in Island zeigt, dass isländische Frauen nicht nur ihre Karriere im Projektmanagement starten sondern zu den wichtigsten Akteuren bei der Weiterentwicklung des Berufsstandes und der Bedeutung für die Zukunft geworden sind. Und schließlich die Geschichte von Saideh Ghods, die 1991 ihre Vision einer kostenlosen Behandlung krebskranker Kinder im Iran startete. Heute ist ihre Wohltätigkeitsorganisation zu einer der größten NGOs im Iran geworden, die über 20.000 Kindern geholfen hat und die Sterblichkeitsrate von krebskranken Kindern von 80% auf weniger als 20% half zu senken. Sie ist zu einem Vorbild für junge iranische Frauen geworden, die eine aktive Rolle in ihrer Gesellschaft übernehmen wollen.

Vielleicht war die IPMA Diversity Konferenz in Helsinki ja der Ausschlag dafür, dass Sanna Mirella Marin am 10. Dezember 2019 zur ersten weiblichen Ministerpräsidentin Finnlands und zur weltweit jüngsten Staatschefin ernannt wurde? Jedenfalls ist ihre Wahl ein Indiz dafür, dass auch die vormals männlich dominierte Politik immer diverser und vielfältiger wird.

Literaturquellen:

Caplan, R.D. (1987). Person-Environment Fit Theory and Organizations: Commensurate Dimensions, Time Perspectives, and Mechanisms, in: Journal of Vocational Behavior, Vol. 31, p. 248-267

Dvir, D., Sadeh, A., Pines, A.M. (2006). Projects and project managers: the relationship between project managers’ personality, project types and projects success, in: Project Management Journal, Vol. 37 No. 5, pp. 36-48

Edwards, J. R., Caplan, R. D., & Harrison, R. V. (1998). Person-environment fit theory: Conceptual foundations, empirical evidence, and directions for future research. In: C. L. Cooper (Ed.), Theories of organizational stress, Oxford, p. 28-67

Malach-Pines, A., Dvir, D., Sadeh, A. (2009). Project manager-project (PM-P) fit and project success, in: International Journal of Operations & Production Management, Vol. 29. No. 3, pp. 268-291

author

Prof. Dr. Yvonne Schoper

Prof. Dr. Yvonne Schoper berichtet über aktuelle Forschungsthemen u. a. von (inter-)nationalen Fachtagungen und Kongressen. Ihr Forschungsgebiet ist das Interkulturelle Projektmanagement und die Themen Führung, Teamentwicklung, Selbstmanagement, Kommunikation und Coaching.


Kommentare

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20.12.2019 – 00:18

Wolfram Ott

Liebe Yvonne Schoper,

danke für Deinen ansprechenden Bericht über die aktuellen Erkenntnisse zur Auswahl von Projektleitern/innen und der damit verbundenen Motivationsübereinstimmung. .

Gerade begleite ich eine Projektleiterin, die exakt das lebt und Ihren Neigungen freien Lauf lässt.

Es tut ihr, dem Projekt und dem Kunden gut und Sie fördert damit ein lösungsorientiertes Vorgehen im Projekt. Dabei spielt die weibliche Stärke emotional sensibler zu sein eine große Rolle in der Früherkennung von Problem-Feldern im Projekt. Wichtig ist, dass die Projektleiter/innen erkennen, in der Führung und im Vorgehen ein der Projektaufgabenstellung das entsprechende Projekt-Design zu erarbeiten und auf den Weg bringen. Die exzellente Moderation vorzuleben, im Bewusstsein nicht Besitzer des Projektes zu sein, sind für mich dabei die wesentlichen Erfolgsfaktoren.. Das wäre meine kleine Ergänzung zum guten Gelingen und der Weiterentwicklung der Führungspersönlichkeiten.

Wünsche Dir weiter viel Erfolg als Verbindungsglied der GPM/IPMA.

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Prof. Dr. Yvonne Schoper

Prof. Dr. Yvonne Schoper berichtet über aktuelle Forschungsthemen u. a. von (inter-)nationalen Fachtagungen und Kongressen. Ihr Forschungsgebiet ist das Interkulturelle Projektmanagement und die Themen Führung, Teamentwicklung, Selbstmanagement, Kommunikation und Coaching.